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Traumwandelnd durch das eigene Riesenwerk

Bob Dylan in der Wiesbadener Rhein-Main-Halle

(Rhein Main Presse, 22. Februar 1993, S. 17)

 

Nicht in bester Spiellaune, aber trotzdem nicht schlecht:
Bob Dylan in Wiesbaden, mundharmonikaspielend

Bild: Werner Schmitt

 

Von JENS FREDERIKSEN

 

Abend der ausufernden musikalischen Vorgeplänkel: Lediglich mit fünf, sechs Akkorden Einleitung ist es bei keinem einzigen Stück mehr getan -- in der Regel bequemt sich der Meister erst nach einer Instrumentalvorgabe von ein bis zwei Strophen Länge widerstrebend nach vorn ans Mikrophn, um sodann leise, oft kaum hörbar die ersten Songzeilen in den Saal zu nuscheln. Eine Rock-Legende traumwandelt durch die eigenen Kompositionen, versteckt sich in ihnen, verändert und zersingt sie dann auch oft noch bis zurUnkenntlichkeit.

Bob Dylan vor gut 4000 Zuhörern in der ausverkauften Rhein-Main-Halle in Wiesbaden das ist ein unablässiges Kokettieren mit dem achselzuckenden Will-nicht-mehr. Am Ende freilich tobt das Auditorium trotzdem vor Begeisterung. Denn bei aller Fahrigkeit, Unkon-zentriertheit und wohlinszenierten Schlampigkeit kriegt der mittlerweile 51jährige immer noch die Kurve, ist er von einer Sekunde auf die andere plötzlich doch "da". bekommt vor allem auch seine Stimme, die das ganze Lager der Rock- und Folkfans seit eh und je in Entzückte und Entsetzte gespalten hat, wieder glänzend in den Griff.

Mehr als einmal möchte man ihn dennoch rütteln, den launischen Anti-Sänger da vorn, der den ganzen Auftritt lang nicht ein einziges Wort ans Publikum richtet, möchte ihn aufwecken aus seinen Tag- oder besser: Frühabend-Träumen. Doch dann näselt, röhrt, leiert und fistelt er wieder so provozierend schrill und schräg gegen alles Harmonische und Gefällige an, daß man abermals, wie früher auch schon, nur noch die Waffen strecken kann: So schön quer und verquer schön gelingt das sonst nach wie vor niemandem.

Der Sound kommt sehr rockig daher, ist gelegentlich aber durch Folk- und Country-Beigaben ein wenig gedämpft, bleibt jedoch selbst dann, wenn die vier Begleitmusiker zu akustischen Instrumenten greifen, stark Rhythmus-betont Der Zwei-Stunden-Durchgang durchs Dylan-Universum beginnt nach zwei flotten Warm-Ups ohne Wiedererken-nungserlebnis mit einer knallharten Version der surrealen Mittelalterparaphrase "All Along The Watchtower", setzt sich fort mit einem von der Melodie her kaum wiederzuerkennenden "Tangled Up In Blue" und einem rasant herausgeschleuderten "Stuck Inside Of Mobile", bis mit einem nach verräucherter Kneipe klingendem "Tomorrow Night" und einem balladesken "Jim Jones" die jüngste LP "Good As I Been To You" zu ihrem Recht kommt.

Dylan bei alledem: gebeugt, fast hinfällig und meist wie abwesend. Dann aber packt es ihn doch, dann verliert er sich beim "Tambourine Man" geradezu schwelgerisch im Gitarrenspiel, greift mit lange nicht gesehener Ausdauer zur Mundharmonika, erlaubt sich in "Don't Think Twice" auch stimmlich ein paar kühne Ausreißer in die höheren Lagen (allerdings nur, um diese Ausflüge dann umso erbarmungsloser durch ein jaulendes Wegsacken am nächsten Versende zu ironisieren).

Die Höhepunkte sind dieselben wie vor anderthalb Jahren bereits: Ein stampfend schweres "I And I", ein leicht verfremdetes "It Ain't Me, Babe". Im Grunde befindet sich Dylan seit Ende der 80er Jahre auf einer Endlos-Tournee, die ihn mit kurzen Unterbrechungen immer wieder aufs Neue um den Erdball treibt. Ein Ruheloser hetzt da von Auftritt zu Auftritt, einer, der nirgends zu Hause zu sein scheint. Vielleicht ist er etwas müde inzwischen, vielleicht war er in Wiesbaden nur schlecht gelaunt. Aber er wirkt in so einer Stimmung immer noch besser als viele seiner Konkurrenten, wenn sie in Hochform sind.


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