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Eine Handvoll Tφne (Bielefeld, 1995)

Eine Handvoll Töne

 

Von Wolfgang Günther

Robert Zimmerman, der sich als Künstler Bob Dylan nennt, bei seinem
Auftritt in der ausverkauften Bielefelder Stadthalle. Das Publikum war begeistert.
Foto: Frücht

Bielefeld. "Wichtig ist, daß man ständig weiterzieht. . . Und ab und zu sollte man unterwegs anhalten und am Rand der Straße ein Haus bauen. Ich schätze, das ist so ungefähr das Beste, was man überhaupt machen kann." War er nur müde, als er in Bielefeld anhielt auf einer Tour, deren Beginn so weit zurückliegt, wie ein Ende nicht absehbar ist? Oder lag's doch wieder am Whisky, daß der Mann im wallenden lila Satinhemd und Lederhose erst mal mit dem Gleichgewichtssinn im Clinch lag? Daß Bob Dylan nicht einmal zur Westerngitarre griff; viermal nur die Stratocaster umschnallte für lässig eingeworfene Akzente; mit einer Handvoll Töne auskam auf der Mundharmonika? Und "hallo" hat er natürlich auch nicht gesagt ...

Gegen die Gewohnheit

Bob Dylan hat seit den ersten Plattenaufnahmen zu Beginn der 60er viel dafür getan, zur Legende zu reifen; hat seine Folkfreunde mit elektrisch verstärktem Rock 'n' Roll erschreckt und, kaum hatten sie sich gewöhnt, mit zuckersüßen Country-Balladen brüskiert; war die protestierende, anklagende Stimme seiner Generation, gab ihr mit den surrealen Bildern seiner Lyrik unlösbare Rätsel auf und trat immer wieder an gegen das, was ihm und seinen Zuhörern zur Gewohnheit zu werden drohte.

Es ist überraschend, wenn deutlich wird, daß die Klassiker seines Repertoires aus den ersten zehn Jahren seines Musikerlebens stammen: "Masters of War" (1963), "Boots of Spanish Leather" (1964), "Maggie's Farm", "Mister Tambourine Man", "Like A Rolling Stone" (1965), "All Along the Watchtower" (1967) — so im von dieser Zeitung präsentierten Bielefelder Konzert —; daß Dylan bis heute immer wieder die wesentlichen Teile seiner Konzertprogramme aus diesem Fundus zusammenstellt. Und die Faszination seiner Live-Auftritte liegt darin, daß Dylan seine Lyrik und seine Musik immer wieder neu präsentieren kann, ohne ihnen nur ein modisches Gewand umzuhängen.

"Mr. Tambourine Man", eine Hymne an Freiheit, Inspiration, Kraft der Musik, kennt man als Folksong ebenso wie als getriebenen Rock. Jetzt präsentierte er den Song im akustischen Set seines Konzerts als zärtlich streichelndes Kinderlied, leise, vorsichtig umschmeichelt von grundierenden Kontrabaßlinien und Mandolinenklängen. Der Oberkörper — wie üblich — zusammengesunken, den Kopf gesenkt ohne einen Blick für sein Publikum, mit der Gestik eines halbseidenen Conferenciers, tastet sich seine näselnde, quengelnde Stimme durch die Verse, knurrt unerwartet, treibt die Endsilben in schrillen Diskant, zerreißt mit dem schneidenden Ton der Mundharmonika jede aufwallende Harmonie. Wären seine Songs nicht Legende, sie könnten jederzeit, immer anders, immer überwältigend intensiv, tatsächlich just gefunden worden sein.

Ein Lächeln der Legende

Dylan hat für seine Tour eine Begleitband (selbstredend) exzellenter Musiker in geradezu klassischer Besetzung zusammengestellt. John Jackson an der Gitarre, Bucky Baxter als Slide-Gitarrist. Tony Garnier am Baß und ein vor Temperament und Spiellaune überschäumender Winston Watson am Schlagzeug überließ er es ganz wesentlich, dem ungetrübt begeisterten Publikum seine Musik zu spielen, zu strukturieren — als unvergänglich lebendig noch in den dunkelsten Farben. Und einmal in anderthalb Stunden, einmal hat er gelächelt. Aber auch das gehört zur Legende Bob Dylan.


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